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Geschichte der Sondersammlungen

Geschichte der Sondersammlungen

Die Sondersammlungen der Universitätsbibliothek Salzburg sind in fünf große Bereiche untergliedert:

  • Die Gruppe der Handschriften umfasst mehr als 1100 Signaturen, davon rund 375 mittelalterliche Handschriften (8.-16. Jh.). Eigene Signaturen erhalten auch Fragmente, die von ihrem Trägercodex abgelöst wurden. (Abbildungen)

  • Die Inkunabelsammlung enthält – einschließlich der Einblattdrucke – 1385 Titel in 988 Bänden. Die Anzahl der Titel ist eine vorläufige Angabe, da die Bearbeitung der Wiegendrucke im Rahmen der Eingabe in den Inkunabelzensus neue Ergebnisse mit sich bringt. (Abbildungen)

  • In der Gruppe der Frühdrucke befinden sich Druckwerke von 1501 bis 1536, die aktuelle Bestandsangabe beläuft sich auf 2471 Titel.

  • Die Graphiksammlung umfasst 566 Handzeichnungen und 1538 druckgraphische Werke (Holzschnitte, Kupferstiche, Stahlstiche, Lithographien), zum Teil als Einzelblätter signiert, zum Teil als Bandgraphiken. Besonders wertvoll sind die Bestände der ehemaligen Wolf-Dietrich-Sammlung: Studien aus italienischen Malerwerkstätten der Renaissance. Von lokalgeschichtlichem Interesse sind besonders die Topographien des Salzburger Raums aus dem 19. Jh., unter denen sich 20 Lithographien und Stahlstiche befinden.

  • Als Rarum werden nach 1536 erschienene, besonders wertvolle und seltene Drucke bzw. aufgrund ihres Formates oder Einbandes „auffällige“ Bücher aufgenommen. Dabei handelt es sich zwar meist um ältere Drucke, aber auch teure moderne Faksimileausgaben sind Teil dieses Bereiches. Derzeit befinden sich etwa 6200 Rara im Magazin der Sondersammlungen. (Abbildungen)


Die Geschichte der Sondersammlungen der Universitätsbibliothek Salzburg ist untrennbar verbunden mit der Gründung der Universität Salzburg 1622 durch Erzbischof Paris Graf Lodron. Erzstift und Erzbistum Salzburg spielten besonders in geistiger und geistlicher Hinsicht eine wichtige Rolle im deutschen Sprachgebiet. Das Schulwesen in Salzburg war von zwei Institutionen geprägt: zum einen die Schule der Benediktinerabtei St. Peter, zum anderen die Domschule (Trennung 987, Trennung der Leitung des Klosters und Bistum). Beide Schulen bildeten geistlichen Nachwuchs und Nachkommen von Adeligen aus.

Schon lange existierte das Vorhaben, in Salzburg eine Universität zu gründen, doch zu ernsten Vorgesprächen kam es erst unter Erzbischof Markus Sitticus von Hohenems (1612-1619), der den Orden der Benediktiner für eine Universitätsgründung gewinnen konnte.

Er selbst konnte allerdings die Früchte seiner Bemühungen nicht mehr ernten, da er 1619 verstarb. Sein Nachfolger, Paris Graf Lodron, setzte das Werk fort, die Universität Salzburg wurde im Oktober 1622 mit Erteilung der kaiserlichen Privilegien offiziell anerkannt.

 

Für die Universität und den Studiengang war eine umfangreiche Bibliothek erforderlich: Die Einrichtung der Universitätsbibliothek erfolgte 1623. Langsam sammelten sich die ersten Bücher, die durch Salzburger Professoren angekauft wurden.

Einen äußerst wichtigen Zuwachs, der von manchen als die eigentliche Gründung der Universitätsbibliothek bezeichnet wird, war der Ankauf der Bibliothek des Rechtsgelehrten Christoph Besold im Jahr 1649: 3820 Bände wurden vom damaligen Rektor P. Roman Müller für die Summe von 3150 Gulden aus dem Nachlass erworben. Die Bibliothek Besolds ist heute nicht mehr als geschlossene Gruppe aufgestellt, dennoch ist die Zuordnung zu ihrem früheren Besitzer aufgrund seiner handschriftlichen Besitzervermerke und/oder seines Exlibris meist ohne Schwierigkeiten möglich. Sehr viele seiner Bücher sind außerdem mit einem Makulatureinband versehen, die Handschriftenfragmente sind wohl zumeist in einer Tübinger Buchbinderwerkstätte verarbeitet worden (vgl. dazu das Register "Vorbesitzer" des Verzeichnisses der Handschriftenfragmente der Universitätsbibliothek Salzburg).

1658 ließ Rektor Stadelmayr einen geeigneten Bibliothekssaal im damaligen Collegiums- oder Universitätsgebäude errichten, in die zu dieser Zeit vorhandenen Bände wurde meist der Besitzervermerk Collegii S. Caroli Salisburgensis 1657 eingetragen. 1793 wurde die Bibliothek mit ihren etwa 12.000 Bänden in den neuen Hofstallgassen-Trakt übersiedelt, dieser Standort blieb bis heute.

 

Die politisch unruhigen Zeiten des frühen 19. Jh. (Napoleonische Kriege, Bayernkriege) hatten auch Auswirkungen auf die Universität: Ende 1810 wurde der Beschluss der bayerischen Regierung bekannt gegeben, dass die Universität geschlossen würde. Gelehrt wurde zwar weiterhin, aber aus der Universität wurde das Königlich-bayerische Lyzeum (1811), das aus einer theologischen Sektion und einer medizinisch-chirurgischen Lehranstalt bestand, 1871 wurde letztere aufgelöst.

 

Im Bereich der Universitätsbibliothek fanden die politischen und universitären Umwälzungen naturgemäß auch ihren Niederschlag, was sich für den Bestand allerdings durchaus positiv auswirkte. Den ersten großen Zuwachs brachte nämlich 1807 ein Teil der ehemaligen Erzbischöflichen Hofbibliothek: Zwar waren bereits 1801 im Zuge der französischen Besatzung Salzburgs Handschriften und Inkunabeln aus diesem Bestand nach Paris gebracht worden, doch kurz vor der Auflösung der Hofbibliothek wurde ihr die Bibliothek des Augustiner Chorherrenstiftes Berchtesgaden eingegliedert. 1806 musste man dem Befehl aus Wien Folge leisten, einen Teil der Bücher abzuliefern. Das Verbliebene (ca. 1/12 des Bestandes kam nach Wien) gelangte an die Universitätsbibliothek.

 

Bestände aus der ehemaligen erzbischöflichen Hofbibliothek

Die Hofbibliothek hatte nur eine kurze Lebensdauer: Sie wurde 1672 von Erzbischof Max Gandolf Freiherr von Kuenburg im Neugebäude der Residenz untergebracht. Bereits vorher waren die Handbibliotheken der Erzbischöfe zusammengelegt worden, die Hofbibliothek war also von Anfang an ein Konglomerat. 1806 bestand sie aus fünf verschiedenen Fonds:

  1. Bibliothek der ehemaligen Pagerie und des damit verbundenen vergilianischen Instituts

  2. Bibliothek aus dem Schloss Herrnau

  3. Handbibliothek der Erzbischöfe sowie des Kurfürsten Ferdinand

  4. Bibliothek der Fürstpropstei Berchtesgaden

  5. Alte Hofbibliothek

Die Gesamtzahl der Bücher betrug ca. 20.000 Bände, 1806 wurde die erzbischöfliche Hofbibliothek aufgelöst.

Bestände aus der Handbibliothek der Erzbischöfe sind in vielen Fällen leicht zu erkennen, da die Erzbischöfe ihre Bücher mit einem Wappensupralibros versahen (vgl. das Verzeichnis der Bischöfe und Erzbischöfe in Salzburg bis 1900).

Für die Zuordnung zu einer der anderen genannten Gruppen fehlen meist die Indizien, welche Bände aber zu diesen Fonds gehörten, ist unzweifelhaft an einem äußeren Merkmal bestimmbar: Ende des 17. oder Anfang des 18. Jh. wurden die Rücken der Bücher mit gelb-grauer Ölfarbe überstrichen und die markante BAS-Signatur wurde mit Tusche vermerkt (BAS = Bibliotheca Aulica Salisburgensis). Nicht übermalt sind natürlich die Bücher, die 1805 aus der Fürstpropstei Berchtesgaden an die Hofbibliothek gelangten.

 

Nicht alle Erzbischöfe, die regierten, sind auch als Besitzer von Handschriften oder Drucken nachzuweisen. Aus der Gruppe der Büchersammler sind hervorzuheben:

 

  • Dem bibliophilen Erzbischof Bernhard von Rohr (1466-1481) verdankt die Universitätsbibliothek eine Reihe von schön ausgestatteten Handschriften und Inkunabeln. Bernhard von Rohr zählte zu den Auftraggebern des Salzburger Buchkünstlers Ulrich Schreier (vgl. zB die Handschriften M II 17 und M III 45) und versah seine Bücher meist mit seiner Devise Unica spes mea und seinem Wappen. Die bevorzugten Themenkreise waren Theologie und Medizin.

  • Wolf Dietrich von Raitenau (1587-1612): Unter den ihm zugeordneten Büchern befinden sich solche mit prächtig gestalteten Einbänden (zB 87.914 III) neben schlichten Pergamenteinbänden mit seinem Supralibros. Wolf Dietrich war ein interessierter Kunstsammler, der Graphikbestand der Salzburger Sondersammlungen enthält etliche Handzeichnungen und Druckgraphiken aus dem Besitz des Erzbischofs: Aus einem Klebeband des 17. Jh. wurden 148 Stiche und 14 Zeichnungen abgelöst, darunter Skizzenblätter, die Palma il Giovane (Skizze zu "Il Paradiso": H 179) und Veronese (Skizze zu "Rahel am Brunnen": H 489) zugeschrieben werden, außerdem Handzeichnungen von Orten, die Wolf Dietrich auf seiner Reise 1582/83 besucht hat: Freiburg im Breisgau (H 10), Einsiedeln (H 12), Salins in Burgund (H 13), Siena (H 20, H 21).

  • Als eifriger Sammler erwies sich auch Erzbischof Max Gandolf von Kuenburg (1668-1687), fast alle seine Bände sind durch den charakteristischen Einband aus gewachstem Pergament und dem Wappensupralibros gekennzeichnet. Ein hoher Anteil italienischer Werke zeichnet diese Sammlung aus, da Max Gandolf während oder nach dem Studium den italienischen Grundstock erwarb, der seinen zentralen Interessen Rechung trug, die sich auch auf Medizin und Botanik erstreckten. Obwohl das Supralibros stets nur die Jahreszahl 1668 (Amtsantritt) zeigt, muss man davon ausgehen, dass die Bücher zu verschiedenen Zeiten gebunden wurden. Die Vereinheitlichung ist vielleicht mit der Gründung der Hofbibliothek 1672 zu sehen, da Max Gandolf eine Systematisierung anstrebte.

Im Jahr 1805 wurden in die Bestände der Hofbibliothek Handschriften und Drucke aus dem Augustiner Chorherrenstift Berchtesgaden eingegliedert. Das Reichsstift Berchtesgaden war eine Gründung des 12. Jh., hatte stets eine enge Bindung an Bayern, wurde 1803 säkularisiert, gelangte für zwei Jahre zum Kurfürstentum Salzburg, mit ihm zusammen 1805-09 nach Österreich und schlussendlich nach Bayern. Die Berchtesgadener Bände sind meist mit dem Besitzervermerk Ducalis Ecclesia oder einfach nur Berchtesgaden gekennzeichnet.

Theologische und juristische Texte sind Hauptpunke dieser Sammlung. Eine Handschrift mit Fecht- und Ringlehren aus dem Jahr 1491 (M I 29) zählt zu den eher ungewöhnlichen Stücken: Sie trägt einen Besitzereintrag aus 1665, ist also vermutlich nicht speziell für das Stift angefertigt worden.

 

Bestände aus der Bibliothek der Bischöfe von Chiemsee

 

Zu Beginn des 13. Jh. wurde das Suffraganbistum Chiemsee gegründet, den Suffraganbischöfen kamen im allgemeinen die Funktionen von Hilfsbischöfen in entlegenen Regionen zu. Die Bischöfe von Chiemsee nahmen ab 1217 eine Sonderstellung ein, da sie auch Weihbischöfe von Salzburg waren und somit Aufgaben im gesamten Erzstift übernahmen. Der Weihbischof trug den Fürstentitel und hatte eine ständige Residenz in Salzburg (Chiemseehof), die Anfang des 14. Jh. erbaut wurde. Als Resultat der Napoleonischen Kriege wurde das Bistum 1805 aufgelöst, der größte Teil fiel dabei an Bayern.

Die Bibliothek der Bischöfe von Chiemsee wurde vermutlich von Bernhard von Kraiburg gegründet, der 1467 zum Bischof von Chiemsee erhoben wurde. Bernhard zählte zur geistigen Elite seiner Zeit, und das zeigte sich auch in seiner Bibliothek. Weniger bibliophile Interessen wie bei Bernhard von Rohr standen dabei im Zentrum, sondern vielmehr die Texte. Etwa 100 Bände können Bischof Bernhard zugeordnet werden, davon gelangten 28 Handschriften an die Universitätsbibliothek Salzburg, der übrige Bestand befindet sich heute in der Münchner Staatsbibliothek, der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien sowie dem Benediktinerstift Michaelbeuern.

Die Bücher Bernhards von Kraiburg sind oft mit seinem eingedruckten Wappenstempel und seiner Devise 'O nous versehen (zB M II 318 & M II 345). Die übrigen Bände der Chiemseer Bibliothek sind ebenso wie die Bernhards mit der Aufschrift B.Ch. gekennzeichnet, die Themenkreise sind bevorzugt Theologie und Recht.

 

Bestände aus Klöstern und kirchlichen Institutionen

 

Das älteste Kloster Salzburgs ist St. Peter, seine Äbte waren auch die ersten Erzbischöfe. Da das Kloster und seine Bibliothek bis heute weitgehend unbeschadet blieben, sind auch die Verbindungen zwischen St. Peter und der Universitätsbibliothek, was den Bibliotheksbestand betrifft, eher schwach. Zwar wurde die Salzburger Benediktineruniversität weitgehend von St. Peter getragen, die Klosterbibliothek und die Universitätsbibliothek blieben aber streng getrennt. Von den wenigen Handschriften, die von St. Peter in die Sondersammlungen gelangt sind, ist das Rituale Romanum aus dem 14. Jh. (M II 161) die bemerkenswerteste.

 

Der Bestand der Bibliothek des Domkapitels wurde Anfang des 19. Jh. zwischen der Österreichischen Nationalbibliothek und der Bayerischen Staatsbibliothek aufgeteilt, einige wenige Bücher kamen an die Universitätsbibliothek Salzburg, darunter die älteste Handschrift der Sammlung (M III 18, Hieronymus: Psalmenkommentar) aus dem späten 8. Jh. und eine theologische Sammelhandschrift aus dem 12./13. Jh. (M I 32).

 

Aus anderen kirchlichen Institutionen gelangten Bestände eher geringen Umfanges an die Universitätsbibliothek, so aus dem Kollegiatstift Mülln (1604 Augustiner-Eremiten, 1818 aufgehoben) (M II 141, Richardus de Mediavilla: Sentenzenkommentar), aus dem Theatiner-Kloster (Kajetanerkloster; 1809 aufgehoben), aus dem Benediktinerkloster Michaelbeuern, dem Kollegiatstift Mattsee und dem Zisterzienserkloster Wilhering.

 

 

Durch Geschenke und Nachlässe vermehrte sich – neben des regulären Ankaufes natürlich – der Bibliotheksbestand kontinuierlich, selbst Handschriften kamen noch im 19. Jh. in die Sondersammlungen.

Neben den Zugewinnen gab es naturgemäß im Laufe der Jahrhunderte auch Verluste, besonders in Kriegszeiten. Auch der 2. Weltkrieg hat im Bücherbestand seine Spuren hinterlassen:

Handschriften und alte Drucke wurden zum Schutz vor Bombenangriffen im Bergwerk Hallein ausgelagert, wo sie in Kisten verwahrt wurden. Eine dieser Kisten wurde im Mai 1945 geplündert, neun Codices fanden „neue Besitzer“. Manche dieser „Besitzerwechsel“ wurden wieder rückgängig gemacht, so kam bereits im Herbst 1946 das erste Buch, der sogenannte Lautencodex  M III 25, wieder zurück. Er war in Steyr als Hinterlassenschaft von Soldaten der amerikanischen Regenbogen-Division aufgefunden worden. In den Jahren 1955 und 1956 kamen drei weitere Bücher aus den USA zurück, allesamt anonym verschickt und schlicht als Paket versandt. 1983 und 1996 erfolgten die bisher letzten Rückgaben.

Eine "Einbuße" der besonderen Art belegt gleichzeitig die innige Verbindung zwischen Kunst und Wissenschaft: Aus der Handschrift M III 41, die aus dem Besitz des Salzburger Erzbischofs Johann Beckenschlager (1481-1489) stammt, wurden im Jahr 1922 zwei unbeschriebene Blätter entfernt und als Beschreibstoff für die Gründungsurkunden eines Salzburger Festspielhauses (sollte nach Plänen von Hans Poelzig erbaut werden, wurde aber nicht realisiert) verwendet, die bei der Grundsteinlegung im Hellbrunner Schlosspark am 19.8.1922 im Stein verschlossen wurden ...

 

 

Beatrix Koll, August 2008

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