Salzburg, Universitätsbibliothek, M III 36, fol. 239v-243r

 

Maria Dorninger (Universität Salzburg): Anmerkungen zur Darstellung der Artes liberales

I. Bildfolge und Tradition

Die Disziplinen der septem artes liberales (Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie) werden auf den Folien 239v-243r der Handschrift M III 36 dargestellt. In zwei vertikal übereinander positionierten, gleich großen Medaillons ist auf einer Seite immer eine allegorisierte ars im oberen und ein für sie charakteristischer Vertreter bzw. Begründer der ars im unteren Medaillon dargestellt. Diesen Medaillons sind kleine Erläuterungen bzw. auch Sentenzen beigegeben.

Auf den acht Bildseiten bauen die artes liberales gemeinsam einen Wagen und eilen mit diesem himmelwärts. Das hier in der bildlichen Darstellung aufgegriffene Wagenmotiv stammt aus dem „Anticlaudianus“ (AC) von Alanus ab Insulis (*1225/30, † 1203), der als eine Weiterentwicklung der Allegorisierung der sieben freien Künste, die bereits bei Martianus Capella (5. Jh.) in „De nuptiis Philologiae et Mercurii“ stattgefunden hat, gesehen werden kann. Im „Anticlaudian“, einer Dichtung in Hexametern, werden auch Motive der „Psychomachia“ des Dichters Prudenz (4./5. Jh.) eingearbeitet. Alanus selbst hatte in Chartres studiert und lehrte in Paris, später auch in Montpellier die septem artes liberales und Theologie.

„Der Anticlaudian“

Natura beruft eine Versammlung der Tugenden ein, da sie einen vollkommenen Menschen erschaffen will. Dieser soll in der Welt herrschen und ein Goldenes Zeitalter anbrechen lassen. Prudentia geht nun auf Reise, um von Gott eine Seele für diesen geplanten idealen Menschen zu erbitten. Die Pferde, die ihren Wagen ziehen, sind die fünf Sinne. Der Wagen selbst wurde von den sieben freien Künsten angefertigt: Die Grammatik baute die Deichsel des Wagens, die Logik machte die Achse am Wagen der Klugheit, die Rhetorik schmückte die Deichsel mit Edelsteinen und Silber und meißelte Blumen in die Achse, die Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie verfertigten jeweils ein Rad des Wagens und die Eintracht fügte alle Teile zusammen (Diese Schilderungen dienen auch zur Darstellung der Tätigkeiten und Erwähnung der Lehrbücher der artes liberales.) Mit dem so kunstvoll bereiteten Wagen allein gelingt es jedoch nicht, zu Gott vorzudringen. Die Hilfe der allegorisierten Theologie ist notwendig und schließlich gibt Gott gerne die Seele. Prudentia kehrt wieder zurück. Auf der Erde wird nun der Körper für einen puer senex geschaffen, der sich im Kampf gegen die auf ihn einstürmenden Laster erfolgreich bewährt.

 

Im 14. und 15. Jh. wurde jedoch vor allem eine kürzere Prosaversion verwendet, das „Compendium Anticlaudiani“, in dem der puer senex oder homo perfectus auf Christus hin gedeutet wird. Im „Compendium“ ist es auch nicht die Theologie, sondern die Misericordia, die zu Gott führt.

In M III 36 findet offensichtlich aus dem „Anticlaudianus“ jedoch nur das Wagenmotiv mit leichten Veränderungen Eingang. Nicht dargestellt werden etwa die fünf Pferde (= die fünf Sinne), die im „Anticlaudian“ den Wagen der artes liberales ziehen. Im „Anticlaudian“ ist es die Theologie, die letztlich zu Gott führt, in M III 36 sitzt die Theologie auf den von den artes angefertigten Wagen.

Bei den Vertretern der einzelnen Wissenschaften agiert der Verfasser oder Schreiber ebenfalls freier. Er folgt im Wesentlichen den bei Isidor von Sevilla in den „Etymologiae“ genannten Gelehrten, ausgenommen bei Grammatik und Geometrie. Bei der Grammatik erwähnt Isidor den Grammatiker Donat als Kapazität, während er bei der Geometrie nicht explizit einen Vertreter hervorhebt, jedoch allgemein Mathematiker nennt.

In der Reihenfolge der Präsentation der Einzeldisziplinen richtet sich jedoch M III 36 nach Isidor von Sevilla.

Der „Anticlaudian“ von Alanus zeigt eine unterschiedliche Reihenfolge der artes und zum Teil von M III 36 abweichende Vertreter der Wissenschaften, die oft auch paraphrasierend genannt werden, beispielsweise: Grammatik (Donat, Aristarch, Apostat), Logik (Aristoteles, Zeno), Rhetorik (Cicero, Ennodius, Symmachus, Quintilian, Sidonier), Arithmetik (Pythagoras, Nicomachus, Chrysipp, Gilbert), Musik (Gregor, Michalus, Mileser), Geometrie (Euklid, Thales), Astronomie (ohne Vertreter). Im „Compendium“ wird als einziger Vertreter der Wissenschaft nur Donat genannt.

Die Vertreter der artes in M III 36 sind alle in sitzender Haltung vor einem Pult, ihrem Lehrstand entsprechend gekleidet und lehrend mit einem Buch als ihr Charakteristikum abgebildet. Ihnen allen ist als Kennzeichen ihres intellektuellen Status der Titel magister beigegeben, der zugleich auch ein Hinweis auf die artes als universitäre Studienfächer ist, die im Spätmittelalter auch eine gewisse Selbstständigkeit erlangen konnten. Der Blick der Gelehrten ist vorwiegend himmelwärts gerichtet, immer weist eine ihrer Hände nach oben zu den Wolken. Nach Peters und Stolz handelt es sich bei diesem Gestus um denjenigen des digitus argumentalis. Stolz vermutet bei der Darstellung des Wolkenhimmels eine Anregung durch die Personifizierung der Philosophie, wie sie in der „Consolatio philosophiae“ von Boethius erscheint, wo ihr Scheitel bis an den Himmel reicht. Der Gestus nach oben und der Wolkenhimmel könnten jedoch ohne Anleihen an die Philosophia von Boethius auch schlicht auf die Funktion der artes hinweisen, die zu Höherem, zum Verständnis des Göttlichen führen, wie es das Motiv des Himmelswagens nahe legt und das letzte Bild der in M III 36 präsentierten Bildfolge, die Albertus Magnus in den höchsten Tönen lobt. Er wird als corona philosophorum artium magister dux theologorum präsentiert, größer als Plato und nur wenig niedriger als Salomon. Weist auch seine Hand zur kosmischen Ordnung des Alls, so wird er explizit als vas fundens dogma sacrorum definiert, als Gefäß der göttlichen, heiligen Lehre, die diese verströmt, eine Charakterisierung, die auch in dem vor Albertus aufgeschlagenen Buch, erläuternd zu seiner Person ein zweites Mal wiedergegeben wird.

Jeder Bildseite sind im obersten Teil Verse beigegeben, die Michael Stolz als Übernahmen des sächsischen Dichters Heinrich von Mügeln (14. Jh.) aus dessen Hofton identifiziert. Zwischen den Medaillons sind Merkverse zu den einzelnen Artes angegeben.

II. Bildbeschreibungen und Interpretation

II.1. Grammatik

Fol. 239v: Die Grammatik fällt die Bäume, um das Holz für den Wagen zu gewinnen. Im Hintergrund ist ein Wäldchen erkennbar. Drei Bäume hat sie bereits gefällt. Mit der Axt holt sie aus, um Holz für den Wagen bzw. die Deichsel des Wagens zuzubereiten. Im Medaillon darunter ist ihr als Vertreter ihres Faches der antike Grammatiker Priscian zugeordnet. (http://www.ubs.sbg.ac.at/sosa/handschriften/MIII36(4v).jpg)

In AC VIII,476-479 wird die Anfertigung der Deichsel nicht so konkret geschildert. Hier ist von keinem Wäldchen die Rede. Nach Stolz ist das Bildmotiv der Grammatik wie auch dasjenige der Rhetorik nach Kalenderblättern gestaltet. In der Auswahl des Vertreters der Grammatik folgt M III 36 dem „Anticlaudianus“ (AC VIII,500).

Auf der Bildseite ganz oben befinden sich zwei kleingeschriebene rubrizierte Zeilen. Im ersten Teil wird die Bedeutung der Grammatik bzw. hier des richtigen, geregelten Sprachgebrauchs erläutert. Im zweiten Abschnitt sind grammatische Kategorien, Wortarten genannt, die über Isidor von Sevilla vermittelt wurden: Nomen, Pronomen, Verb, Adverb, Partizip, Konjunktion, Praeposition, Interjektion. (Bei der Transkription sind die diakritischen Zeichen aufgelöst dargestellt.)

Gramatica die leret/ buochstaben sÿ reret/ das latin wirt/ Jr verseret/ von sprúchen die nit regel händ// Nam vor nam/ wort vor wort/ därnäch/. teil niemung. zuofuog ich sach./ Fuorsacz jnwrff vnder jrem tach/ den besten desz ich= priscianum fand=“

Darunter ist der schwarzgeschriebene Text mit Rot durchgestrichen. Dieser eliminierte Text wird ebenfalls dem Grammatiker Priscian in den Mund gelegt und lautet:

„Gramatica leret reden wol// wie man die wort recht seczzen sol// was zymlich vnd vnczimlich si.// Nu ist die mynne so muotes fry:/ das sy myn lere vnd alle geschrift,// Mit guetikeit verr úber trifft// Nú dienet suesser wibes wort// Jr trost git aller selden hort// kuonst ist one frouwen gar vmb suost// Daz reden ich Priscianus“

Diese Verse verbinden die ars der Grammatik mit dem Frauendienst und zeigen ihre Nichtigkeit ohne Frauen. Alle Vorschriften der Grammatik werden von der Minne selbst übertroffen. Diese Abschwächung der Grammatik und sehr weltliche Ausrichtung scheint dem Korrektor nicht ganz passend gewesen zu sein. Der durchgestrichene Text ist nach Stolz identisch mit demjenigen eines oberrheinischen Hausbuches aus der 1. Hälfte des 15. Jh.s, doch lässt sich nicht nachweisen, ob die Verse von M III 36 aus dieser Handschrift stammen.

Zwischen den beiden Medaillons befindet sich ein Merkvers, der durch seine Gestaltung in der ersten Person den Eindruck vermittelt, hier spräche die Ars selbst. In ihm bezeichnet sich die Grammatik als grundlegend und unabkömmlich für alle anderen, folgenden Künste:

„Qud quit agant artes/ Ego semper predico partes/

Qui nescit partes/ frustra tendit ad Artes“

Im unteren Medaillon sitzt Magister Priscianus auf einer Kathedra. Mit der Rechten hält er ein auf dem Pult stehendes Buch und weist mit Blick und mit dem Zeigefinger der linken Hand zu einem Wolkenhimmel.

II.2. Rhetorik

Fol. 240r: Die Rhetorik, deren Repräsentant Marcus Tullius Cicero ist, schlägt das Holz für den Wagen zurecht. http://www.ubs.sbg.ac.at/sosa/handschriften/MIII36(5r).jpg

Vor dem Hintergrund von zwei Bäumen, die eine Naturlandschaft stilisieren, bearbeitet die Rhetorik mit einem Beil das von der Grammatik zubereitete Holz. Einen Teil des Stammes, der bereits die Form eines Brettes zeigt, hat sie auf zwei Arbeitsbänken zurechtgelegt und ist im Begriff, sich daran zu schaffen zu machen. In den Versen darüber wird die Funktion der Rhetorik kurz erläutert, die nicht nur die Rede ziert, sondern auch das Grobe glättet. Nach den Versen gibt es 60 colores rhetorici, rhetorische Figuren, davon 36 Wortfiguren und 24 Sinnfiguren, die Cicero kennt. Die hier genannte Aufteilung der rhetorischen Figuren geht auf Heinrich von Mügeln zurück. Cicero wird im unteren Medaillon in prächtiger roter Gelehrtenkleidung gezeigt. Das Rot weist auf sein großes Ansehen und seinen hohen Status in der Gelehrtenhierarchie hin. Ihm wird im Mittelalter die „Rhetorica ad Herrenium“ zugeschrieben, die man ab dem 12. Jh. besonders aber im 14. und 15. Jh. im Original benutzte und kommentierte.

„REtorica ferwet/ der rede sprúche vnd gerwet// Das marck vsz der rede sy kerbet vnd strichet/ gar das gröp hin dan/ Ouch leret sy die kint// wie daz der farwen lx sint/ der worten xxxvj vff bint der synnen xxxiiii her Túlius kann“

Der dazugehörige Merkvers, der Ars wiederum selbst in den Mund gelegt, lautet.

“Est mea dicendi racio cum flore loquendi/ Sermonem polliceor cultum lepore domina loquor”

II.3. Logik

Fol. 240v: Die Logik überprüft die Brauchbarkeit, indem sie Wahres und Falsches erkennen kann, ihr ist Aristoteles beigeordnet. http://www.ubs.sbg.ac.at/sosa/handschriften/MIII36(5v).jpg

Die Logik hat ihre Ärmel hochgekrempelt und benutzt ein Bohrgerät, mit dem sie ein gefäßförmiges Holzteil bearbeitet, das als Achse dienen soll. Sie verfertigt damit Löcher, in die – so scheint es – die Speichen des Rades eingefügt werden sollen. Neben ihr liegen drei gerundete Holzteile. Die Ähnlichkeit aller Teile mit den in den folgenden Illustrationen abgebildeten Rädern ist sehr ähnlich. Möglicherweise hat hier der Illustrator etwas vorgegriffen, den nach den Darstellungen des „Anticlaudianus“ sollte die Logik die Deichselkonstruktion des Wagens anfertigen.

Die Verse über dem Szenenmedaillon erklären wieder die Tätigkeit der ars. Diese kann sich auf in der Tradition bewährte Gelehrte berufen. Es geht darum Wahres vom Falschen zu unterscheiden und um das willkürliche Setzen von sprachlichen Zeichen. Als Vertreter dieser Kunst wird im Vers Aristoteles genannt. Die genannten Lehrteile sind ebenso in den „Etymologiae“ Isidors von Sevilla im Rahmen der dialectica erkennbar. Isidor spricht hier von den „Kategorien“ und „Peri hermeneias“ von Aristoteles.

„Vns sagent/ die meister grauw// Ob war falsche die rede besta#/ Das leret er=kennen Loÿca Jn iren predicament// Vnd wie nach dem willen din// Wort vnd nam betúttet sin// Recht/ als ein reiff bezeichnet win/ Aristoteles dis vil wol erkent“

Auch die Logik betont, wie unabkömmlich sie beim Studium der artes liberales ist, das ohne sie vergeblich bleibt.

„Frustra doctores sine me coluere sorores/ Scrutatrix rerum a falso diuido verum“

Eher ungewöhnlich schlicht im Vergleich zu den anderen Gelehrten wird Aristoteles dargestellt. Ein grobes Seil gürtet sein Kleid und ein um seine Stirn geknotetes Tuch bändigt seine Locken.

Wie im „Anticlaudianus“ beschäftigen sich die folgenden Disziplinen des Quadriviums mit dem Bau der Räder und werden bei dieser Tätigkeit dargestellt bzw. in Verbindung mit den Rädern abgebildet.

II.4. Arithmetik

Fol. 241r: Die Arithmetik fertigt das erste Rad. Sie behandelt die Zahlenwerte und misst mit dem Messstab ein Rad ab. Das darunter befindliche Medaillon zeigt den Gelehrten Boethius. (http://www.ubs.sbg.ac.at/sosa/handschriften/MIII36(6r).jpg)

In einer stilisierten Naturlandschaft mit zwei Bäumen im Hintergrund geht die Arithmetik ihrer Tätigkeit nach. Sie hält den Messstab, der deutlich Einteilungen aufweist, an den Holzreifen des Rades und blickt konzentriert auf den Stab. Die Szene bzw. die Tätigkeit der ars wird durch die folgenden Verse erläutert. Sie weisen auf die Veränderungen der Zahlen und geben als herausragenden Vertreter dieser Wissenschaft Boethius (5./6. Jh.) an, dessen Schriften zur Arithmetik, neben denen zur Geometrie und Musik im Mittelalter weite Verbreitung fanden.

„Wie eines die zal begirt //wer an der kuonst ist verirt// von arismetrica er wirt vnder wiset der meisterschafft// Wie sich die zal verkeret/ Wie x. xx. hundert meret// Dis vil wol leret/ Bocius der tuogenthafft//“

Zwischen den Medaillons erläutert die Arithmetik (hier: Arismetrica) ihre Kunst: Erläuterung der Proportionen durch Zahlen. Zu ihr gehören die Grundrechenarten:

“Explico per numerum que sit proportio rerum//Diuido multiplico subtraho simul et addo”

Boethius ist der erste der dargestellten Gelehrten, der den Betrachter direkt anblickt. Der Zeigefinger seiner rechten Hand weist nach oben, während seine Linke Seiten im Buch aufgeschlagen hält.

II.5. Geometrie

Fol. 241v: Die Geometrie, die sich mit den Figuren und Gestalten beschäftigt, misst mit dem Zirkel das zweite Rad ab. Unter ihr lehrt der griechische Mathematiker Euklid. (http://www.ubs.sbg.ac.at/sosa/handschriften/MIII36(6v).jpg)

Geometria misst mit einem Zirkel von der Achse bis zum Äußeren des Holzreifens den Radius ab. Ihr Fach ist die Erdmessung wie auch die Messung der Entfernung der Sonne und des Mondes und mit ihrer Hilfe werden räumliche Figuren dargestellt.

„Geometria mist// Sunn vnd mavn mit hoher list// vnd allez daz do messlich ist als ich ez in einem buoche lasz// Si malet/ viguren vnd bilde// Der ir nit kan dem ist die kuonst wilde// Vnder irem schilte der beste Euclides wasz“

Wie weit die Aufgaben der Geometrie sich erstrecken, wird ebenso von der personifizierten Mathematica erläutert, die hier nicht bildlich dargestellt als Fach übergreifend Arithmetik und Geometrie fasst, wie dies auch Isidor von Sevilla ausführt.

“Rerum mensuras et/ erorum signo figuras/ Terrarium spatia linea mectior mathematicá”

Euklid (3. Jh.v.Chr.) als Vertreter der Geometrie wurde dem Mittelalter zuerst über Boethius vermittelt, ab dem 12. Jh. auch über Übersetzungen aus dem Arabischen.

II.6. Musik

Fol. 241r: Die Musik verfertigt das dritte Rad. Sie hat Glöckchen darauf geschlagen und bringt diese nun mit einem Hammer zum Klingen. Ihr ist der Philosoph Pythagoras zugeordnet. (http://www.ubs.sbg.ac.at/sosa/handschriften/MIII36(7r).jpg)

Die Glöckchen des Rades sind ein Symbol der Musiktheorie und weisen auf die Musik als mathematische Disziplin. Musica ist die erste Vertreterin der Fächer des Quadriviums, die ihr Rad hoch hält. Dies kann einen rein praktischen Grund haben. Alle Glöcken sind dadurch für sie leichter verfügbar, möglicherweise ergibt sich dadurch auch ein hellerer Anschlag der hier abgebildeten sechs Glöckchen. Ein anderer Grund für das Hochhalten des Rades könnte u.U. eine symbolische Anspielung auf die Verbindung der Musik mit dem Himmel sein, da Pythagoras (6. Jh.v.Chr.) die Zahlen als Maß aller Dinge betrachtete und davon ausgehend Zahlenbeziehungen suchte, auch in der Musik und der Astronomie. Dies führte dazu, eine nicht hörbare Sphärenmusik anzunehmen. Die Haltung der Musica in der Handschrift könnte ein Hinweis darauf sein. Die beigegebenen Verse ordnen Gesang und Seitenspiel der Musik zu und gehen auf musikalische Intervalle ein: Quart, Quint, Oktav und nennen nach der Interpretation von Stefan Engels die Zahl der Tonreihe, die von diesen Intervallen gebildet wird.

„Sang vnd das seitenspil// hant gar vsz muosica iren zil// wie us der quart sich lassen wil/ die wise dyatesseron usz der quinten nympt iren val// wie dya=pente in der zal// usz der Octauen wie zü tal// Dyapason singet Pittagoron.“ 

Knapp weist auch der lateinische Merkvers auf die Existenz melodischer Gesetze und die Proportionen in der Musik hin.

“Musica dat scire cantica dogmata calire/ Ex numeris colligo que vocum sit proportio”

Pythagoras selbst wird in schlichter Kleidung ohne Umhang dargestellt. Wie üblich sitzt er vor einem Pult und weist zum Himmel. Ein einzelner Baum im Hintergrund steht für eine Naturlandschaft.

II.7. Astronomie

Fol. 242v: Die Astronomie hat das letzte Rad gebaut und mit Sternen geschmückt. Mit einem astronomischen Messgerät ausgestattet weist sie darauf, während König Ptolemäus im Medaillon darunter dargestellt ist. (http://www.ubs.sbg.ac.at/sosa/handschriften/MIII36(7v).jpg)

Das letzte Rad schwebt gleichsam in der Luft. Zwischen seinen Speichen befinden sich fünf Sterne. Astronomia hat ihre Augen auf das Rad gerichtet. In der linken Hand hält sie ein Messgerät, das den Anschein erweckt ein Sextant zu sein, jedoch vermutlich einen Quadranten darstellen soll, der im Mittelalter sehr häufig Verwendung fand. Mit seiner Hilfe ist Astronomia im Begriff, die Höhe eines Gestirns über dem Horizont zu messen, indem sie diesen an ihr Auge setzt und kunstgerecht den Stern anvisiert. Mit der rechten Hand weist sie auf das Sternenrad. In den über das Medaillon gesetzten Versen werden unterschiedliche Bereiche der Astronomie angesprochen: der Einfluss der Gestirne auf die Menschen, wie er sich in der Vorstellung von den Planetenkindern findet, wobei die Eigenschaften der Menschen durch den Stand des herrschenden Planeten geprägt werden (vgl. dazu auch die Planetenbilder von M III 36, deren Verse Anklänge zu den Planetenkinderversen des Mönchs von Salzburg zeigen). Ebenso findet sich die Vorstellung von den Planetenhäusern, den Häusern der Tierkreiszeichen, in denen die Planeten, als die Welt erschaffen wurde, ihren Platz fanden. Dazu werden Nord- und Südpol als astronomische Bezugspunkte angegeben, wie auch allgemein als Forschungsfeld der Astronomie die Himmelsbewegungen. Der bekannteste Vertreter ist der alexandrinische Gelehrte Ptolemäus (1. Jh.n.Chr.).

„Wie der Planeten siben sint// Vnd wie genaturet sint ire kint// In Astronomien rat/ man das vint/ Wand er belibet/ in sinem huse// vnd daz gen sunden stat Antharchicus gen Norden/ polus archikus// wie do stat des hiemels flus Dis zoeuget kunig Ptolomeus“

Der Merkvers in Ich-Form greift die Themen der deutschsprachigen Verse noch einmal auf, die auch Isidor von Sevilla angeführt hat: die Himmelsbewegungen und den Einfluss der Sterne.

„Astra vias poli/ varias michi vendito soli// Et siderum cursus celi influentias considero/ rursus/“

Im Medaillon wird Ptolemäus dem Betrachter zugewandt als König dargestellt. Er thront geradezu an seinem Pult. Im Hintergrund ist eine kunstvoll angefertigte Sitzbank erkennbar, die sichtlich auf seinen Status weist. Sein Haupt trägt eine hermelinbesetzte Kopfbedeckung, die ebenfalls seinen königlichen Status unterstreicht, der in der Bezeichnung seiner Person hervorgehoben wird. Bereits Isidor von Sevilla hatte in den „Etymologiae“ Ptolemäus als König von Alexandrien bezeichnet, doch gibt es historisch keinen Nachweis einer Verwandtschaft des Gelehrten mit dem Königshaus. Isidor scheint mit der Gleichsetzung eine gewisse Tradition begründet zu haben. Ptolemäus war jedoch unbestritten symbolisch König der Astronomie, da sein geozentrisches Weltbild bis Kopernikus prägend war. Über seiner Beschreibung als König vermerkt noch ein kleines Kürzel über kunig seinen Titel als Magister (mgr), damit wird nicht nur der politische, sondern auch der Gelehrtenstatus unterstrichen.

II.8. Der Wagen der Artes

Fol. 243r: Zuletzt ist der Wagen der artes fertiggestellt. Die Allegorien des Triviums haben sich in die Seile, die an der Deichsel befestigt sind, gespannt und ziehen den Wagen, während die Allegorien des Quadriviums die Räder in Bewegung setzen oder in die Speichen greifen. So kommt der Wagen, in dem Theologia reist, gut voran, zumal auch Petrus Lombardus mit seiner Geißel den Wagen antreibt. (http://www.ubs.sbg.ac.at/sosa/handschriften/MIII36(8r).jpg)

Die Illustration unterscheidet sich von den vorangehenden schon durch ihren strukturellen Aufbau. Mit ihr wird die Form der Darstellung von Szenen in den Medaillons aufgegeben. Bei der Bezeichnung der Geometria ist dem Illustrator bzw. Rubrikator ein kleines Missgeschick passiert. Er hat sie fälschlich zuerst als „Gramatica“ vermerkt und musste diese falsche Angabe wieder durchstreichen und korrigieren. Auffällig sind auch die etwas ausführlicheren Worte zu Petrus Lombardus, der das Gefährt mit einer aus drei Strängen bestehenden Geißel, hier eigentlich symbolisch für eine Zuchtrute als Zeichen seines Lehrerstatus, anfeuert. Neben seinem Namen wird seine „Summa sententiarum“, das theologische Schulbuch auch für die nachfolgenden Jahrhunderte, erwähnt. Petrus Lombardus lehrte im 12. Jh. an der Kathedralschule Notre Dame. Bekannt vor allem für seine „Sententiae“ sind von ihm jedoch auch „Psalmenerklärungen“ und „Kommentare zu den Paulusbriefen“ überliefert. Möglicherweise könnte die dreiteilige Geißel auf diese Werk-Trias anspielen. Im Wagen selbst sitzt auf einem Polster die gekrönte heilige Theologie, der alles dient. In der einen Hand hält die sacra Theologia, die selbst einen Nimbus trägt, einen Christuskopf mit Kreuznimbus, der einerseits wie eine große Hostie wirkt, doch andererseits auch ein Anspielung auf den „Anticlaudian“ sein könnte, in dem Prudentia Gott nur im Spiegel wahrnehmen kann, da es unmöglich ist, seiner Macht von Antlitz zu Antlitz gegenüberzutreten. Theologia kann Gott im Spiegel des Antlitzes Christi erkennen. Vielleicht auch stellt der in den Kreuznimbus eingebettet Christuskopf eine große Hostie dar. In der Hostie, die nicht nur ein Symbol für Christus ist, nimmt er selbst   gemäß der römisch-katholischen Transsubstantiationslehre auch fleischliche Gestalt an. Theologia zeigt mit der rechten Hand auf Christus, der auf den Betrachter blickt, und weist so explizit auf ihre Beziehung zum Göttlichen. Der Wagen selbst fährt in die Höhe, Richtung Gott, wie die Fahrtrichtung des Wagens und der nach oben gerichtete Blick der Grammatik zeigen. Die Grammatik schreitet als erste im schönen Gespann munter voran. Beide Hände hat sie fest in die Hüften gestemmt. Ihre beiden Schwestern überprüfen noch schnell den Sitz der Seile, bevor sie sich endgültig himmelwärts wenden werden.

Weitere Deutungselemente ergeben sich aus den beigegebenen Versen. Die deutschsprachigen erzählen vom Wirken der heiligen Dreifaltigkeit in der Schöpfung, wie dies der (heiligen) Schrift zu entnehmen ist, die hier auch mit der weisen Theologie gleichgesetzt wird, die von der Menschwerdung Gottes in Maria berichtet. Die Auswirkung dieses Vorgangs ist die Heilung des Schmerzes des Sünders, wie der Gelehrte Petrus von Paris schreibt, mit dem wohl wieder der bereits genannte Petrus Lombardus gemeint ist. Nach Stolz scheinen die deutschsprachigen Verse auch kurzgefasst das Programm des „Breviloquium“ von Bonaventura wiederzugeben, das den Kommentar Bonaventuras zu den „Sententiae“ von Petrus Lombardus bearbeitet und verkürzt hat. Die Gleichsetzung der Hl. Schrift mit der Theologie wird auch dort vorgenommen. Ähnlich bemerkt auch Nikolaus von Lyra im „Prologus de commendatione Sacrae Scripturae“: sacra Scriptura, quae proprie theologia dicitur (MPL 113,25).

„Wie sich die heilige driualtikeit// vs in all creaturen nach wúrckunge spreit// die heilige geschrifft Pns daz seit// Theoloÿa die vil wise// vnd wie in der megde hercze/ das wort sith fleisch aune manes mercze - Er hat geheilet dez súnders smercze: Also da schreibet Peter von Parise“

Die lateinischen Verse werden dagegen von der Theologie selbst vorgebracht, die hier als Philosophie bzw. als wahre Weisheit identifiziert wird. Sie betrachtet die Urgestalt der Welt.

“Mundum Architipum contemplor formis plenum vera sophfia olimpi domina celi philosophia”

Auffällig ist die Christus-Paraphrase in den deutschsprachigen Versen, die die Darstellung von M III 36 explizit mit dem „Compendium Anticlaudiani“ verbindet. Der homo perfectus, dem Gott die Seele gibt, ist dort Christus (Comp. AC 319, 333).

Auf ihn weist Theologia in M III 36. Im „Compendium Anticlaudiani“ wird jedoch nur von Prudentia gesprochen, der es möglich ist, zu Gott vorzudringen, allerdings nur mit Hilfe von Misericordia, der Barmherzigkeit. Im „Anticlaudianus“ dagegen führt die Theologie die von der Natur und den Tugenden gesandte Prudentia zu Gott. Prudentia, die Klugheit, wandelt sich dabei zur Phronesis, und, indem sie Gott im Spiegel erblickt, wandelt sie sich wiederum zur Sophia, zur Weisheit, die das Göttliche, wenn auch im Spiegel schaut.

In den deutschsprachigen Versen von M III 36 jedoch gibt sich die Theologie als Philosophie zu erkennen und als wahre Weisheit. Die Bezeichnung als Sophia verbindet die Darstellung mit dem „Anticlaudianus“, wobei sich hier die allegorischen Gestalten von Prudentia-Phronesis-Sophia mit der Theologie vermischen bzw. als eins gesehen werden. Die Vorstellung der Verbindung von Philosophie und Theologie findet sich ähnlich auch schon bei Abaelard, der die vera sophia in der „Theologica Christiana“ (MPL 178,1179), ähnlich wie im Merkvers, mit dem Wissen von Gott verbindet. Der Weg zu Gott führt demgemäß über die Philosophie bzw. Theologie. Das Bild der Philosophie-Theologie als Herrin des Himmels spielt auch auf die göttliche sapientia im biblischen Buch der „Weisheit“ (8,1) an.

Das Bild der Theologie mit dem Christussymbol im Wagen wiederum weist auf ihr Nahverhältnis zum Himmlischen. Als sacra theologia identisch mit der Hl. Schrift wie auch als Wissenschaft vom Göttlichen wird sie von der ewigen sapientia gespeist und kann sich so in die himmlischen Höhen erheben. Sie ist die wahre Philosophie und durch sie wird jede Wissenschaft gekrönt. In diesem Sinne trägt Theologia auch eine dreizackige Krone, die an die Trinität gemahnt, und deutlich auf ihre bevorzugte Stellung hinweist. Ihr dienen in gewissem Sinne die sieben freien Künste, doch andererseits benötigt auch sie dieselben, um richtig verstehen zu können und sich in die himmlischen Höhen zu begeben.

            Im Unterschied zum „Anticlaudian“ wird der Wagen in M III 36 nicht von den Sinnen in Gestalt von fünf Pferden gezogen. Bereits im „Compendium Anticlaudiani“ wurde der Part der Pferde reduziert. Ein anonymes Prosa-Marienleben um 1400 mit dem Initium „Da got der vater schuof Adam und Eva“, dessen Quelle das „Compendium Anticlaudiani“ ist, eliminiert gleichsam die Pferde, die nicht einmal mehr erwähnt werden, und spricht nur von einem Wagen der fünf Sinne. Der Schritt von da zu einer kompletten Entfernung der Sinne im Zusammenhang mit dem Wagen ist nicht allzu weit und gerade im Hinblick auf die Kurzdarstellung der Salzburger Handschrift leicht nachvollziehbar.

III. Epilog

Die Handschrift M III 36 zeigt sich bei näherer Betrachtung als ein Konglomerat unterschiedlicher Traditionen der Artes-Literatur in Folge der Allegorisierung der Künste. Hauptquelle ist der „Anticlaudianus“ von Alanus von Lille, der sich insbesondere im Wagenmotiv allgemein wie auch in den  genannten Vertretern der einzelnen Artes zeigt. Die Ausrichtung auf die Inkarnation Christi erweist in der Handschrift auch die Rezeption des „Compendium Anticlaudiani“. Zudem – so scheint es – zeigt sich in M III 36 die Kenntnis jüngster Alanus-Traditionen wie auch diejeniger traditioneller Artes-Gliederungen, wie bei Isidor von Sevilla, deren Kenntnis jedoch auch über vermittelnde Literatur erfolgen konnte.

 

Literatur:

Alanus ab Insulis: Der Anticlaudian oder die Bücher von der himmlischen Erschaffung des Neuen Menschen. Ein Epos des lateinischen Mittelalters übersetzt und eingeleitet von Wilhelm Rath. Stuttgart: Mellinger 1966. –Heinrich von Mügeln: Die kleineren Dichtungen Heinrichs von Mügeln. Hrsg. von Karl Stackmann. Berlin: Akademie 1959.Huber, Christoph: Die Aufnahme und Verarbeitung des Alanus ab Insulis in mittelhochdeutschen Dichtungen. Untersuchungen zu Thomasin von Zerklaere, Gottfried von Straßburg, Frauenlob, Heinrich von Neustadt, Heinrich von St. Gallen, Heinrich von Mügeln und Johannes von Tepl. Zürich/München: Artemis 1988. – Isidori Hispalensis Episcopi Etymologiarvm sive originvm. Libri XX. Hrsg. von W. M. Lindsay, 2 vol. (1911) Oxford: Clarendon 1962 – Lexikon des Mittelalters. Hrsg. von Norbert Angermann u.a. 11 Bde. München: Lexma 1980-1999 – Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. Begr. von Wolfgang Stammler. Fortgef. von Karl Langosch. Unter Mitarbeit zahlr. Fachgelehrter hrsg. von Burghart Wachinger zs. mit Gundolf Keil. 10 Bde. 2. völlig neu bearb. Aufl. Berlin u.a.: de Gruyter 1978-2004. – Martianus Capella: Die Hochzeit der Philologia mit Merkur. De nuptiis Philologiae et Mercurii. Übers. mit einer Einl., Inh.-Übersicht und Anm. vers. von Hans Günter Zekl. Würzburg: Königshausen und Neumann 2005. – Ochsenbein, Peter: Das Compendium Anticlaudiani. Eine neuentdeckte Vorlage Heinrichs von Neustadt. ZDA 98 (1969), 81–109 (Edition: 93-109). – Peters, U.: Digitus argumentalis. Autorbilder als Signatur von Lehr-Auctoritas in der mittelalterlichen Liedüberlieferung. In: Manus loquens. Medium der Geste – Geste der Medien. Hrsg. v. M. Bickenbach u.a. Köln: DuMont 2003, 31-65. Ruh, Kurt: Das ›Compendium Anticlaudiani‹ als Quelle des Prosa-Marienlebens Da got der vater schuof Adam und Evam, ZDA 98 (1969), 109-116 (Edition: 112-116). Schneider, K.: Petrus Lombardus in mittelhochdeutscher Sprache. In: ZDA 107 (1978), 151-164. – Stolz, Michael: Artes-liberales-Zyklen: Formationen des Wissens im Mittelalter. Tübingen: Franke 2004 (Habil: 2000) (zum Adligat Salzburg: Bd. 1, 267-330, Bd. 2, 678-680).

 

                                                                                          Maria E. Dorninger, Universität Salzburg

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