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Universitätsbibliothek Salzburg - Abteilung für Sondersammlungen

 

Das Buch des Monats der Universitätsbibliothek Salzburg


Mai 2015: Franz von Retz: De generatione Christi sive Defensorium inviolatae castitatis B. V. M. Basel, ca. 1487/1488.

  

Der Vogel Carista badet unversehrt im Feuer

Beschreibung: Abbildungen:

Der Dominikaner Franz von Retz (* um 1343, gest. 1427) lehrte im 15. Jh. an der Universität Wien, im Zusammenhang mit seiner Lehrtätigkeit sind viele seiner Werke entstanden (Auslegungen des "Pater noster", des "Salve Regina", eine Darstellung der sieben Hauptsünden). Die größte Wirkung erreichte sein "Defensorium", eine Schrift zur Verteidigung der unverletzten und immerwährenden Jungfräulichkeit Marias. Unbegreifliche Vorgänge aus Mythologie und Naturgeschichte werden als Beweis heran gezogen für die ebenfalls unbegreifbare immerwährende Jungfräulichkeit der Gottesmutter.

Als Beleg aus der Naturgeschichte wird zum Beispiel der Eisvogel angeführt, der sich noch im Tode mausere und sein prächtiges Federkleid erneuere. Genau so wunderbar könne auch eine keusche Jungfrau von Gott ein Kind empfangen. Aus der antiken Mythologie wird die Vestalin Tuccia als Exempel gewählt, die, um ihre Unschuld zu beweisen, Wasser aus dem Tiber in einem Sieb bis zum Vestatempel getragen habe.

Der in Basel angefertigte Wiegendruck, in Österreich außer an der Nationalbibliothek nur noch an der UB Salzburg nachweisbar, ist illustriert mit mehr als 50 Holzschnitten.

 

Signatur: W I 193. Vorbesitzer: Theatinerkloster Salzburg.

 

 

* Übersetzungen:

- Konnte Tuccia eine große Menge Wasser in einem Sieb tragen, dann konnte auch eine Jungfrau unbefleckt ein Kind gebären

- Wenn der Eisvogel sich im Tode mausert und neue Federn bekommt, warum kann dann nicht eine Jungfrau mit keuschem Körper von Gott ein Kind empfangen?

- Konnte ein Sturm einen lebenden Hirten drei Meilen fortwehen, warum konnte dann Gott nicht seinen Sohn durch eine Jungfrau gebären lassen?

- Nur durch jungfräuliche Reinheit wird ein Einhorn gefangen, so konnte auch eine Jungfrau froh den Sohn Gottes empfangen

- Konnten helle Wolken ein Kalb hervorbringen, dann konnte auch die reine Maria zugleich Mutter und Jungfrau sein

- Mag die Insel Thule immer voll strahlender Maiwunder und -schmuck sein, so wird auch Jesus Christus nichts an der Würde seiner Mutter ändern

Mocht Tuctia tragen wasser schwer in einem syb,

So mocht auch ein jungvrowe geberen mit keuschem lib*

Musset sich der ißvogel dot, und gewynnet also gefyder,

warumb entpfieng dan nit von got, ein jungfrouw mit keuschem glydrenn*

Mocht eynen hirten dry milen ein wint tragen an menschlich bart,

warumb mocht dan nit sin kint, got geben durch magdtliche art*

Die megtlich reynikeit mag den einhorn gefahen,

So mochte uch ein jungfrow gemeyt gottes sune entphahen*

Mochtent die wolcken clare, bringen ein kelblin,

So mocht auch maria clare, ein mutter und einn maget sin*

Mag ein tyle bliben alleczit, die liechten meyen wunde und zierd,

So mag auch Ihesus crist nit lyden zu enteren syn mutter wirde*

     

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Beatrix Koll, Mai 2015